|
|
Islam und Wissenschaft in der Bundesrepublik Deutschland Die politischen Ereignisse in der islamischen Welt und deren nicht absehbare Konsequenzen für die internationalen Beziehungen zeigen einen wachsenden Bedarf an wissenschaftlich fundierten Analysen über Geschichte und Gegenwart muslimischer Gesellschaften. Damit rücken auch in Deutschland wissenschaftliche Disziplinen ins Rampenlicht, die in den letzten Jahrzehnten nicht immer im Zentrum öffentlicher Aufmerksamkeit standen. Bundesdeutsche Hochschulen und Forschungsinstitute weisen nicht nur hervorragende wissenschaftliche Traditionen in diesen Fächern auf, sondern sie bieten auch in struktureller und personeller Hinsicht gute Voraussetzungen für eine zukunftsweisende interdisziplinäre Forschungslandschaft. Ihre Förderung dient nicht zuletzt dazu, einen gewichtigen Beitrag zum interkulturellen Dialog zu leisten.
Lange Zeit galt die Islamwissenschaft einschließlich ihrer Subdisziplinen Arabistik, Iranistik oder Turkologie als Sonderfall innerhalb der sogenannten "kleinen Fächer" an den bundesdeutschen Universitäten. Basierend auf einer jahrhundertelangen ehrwürdigen Tradition scheinbar entrückter Gelehrsamkeit waren viele Fachvertreter aufgrund ihrer überwiegend historischen Spezialisierung nicht dazu berufen, aktuelle politische und soziale Entwicklungen im Nahen und Mittleren Osten zu analysieren. Das zeigte sich mit Beginn der 70er Jahre, als sich beispielsweise an der Freien Universität in Berlin eine gegenwartsbezogene Orientforschung etablierte, mit der die traditionelle Islamwissenschaft an den übrigen Hochschulen der Bundesrepublik zunächst wenig Berührungspunkte fand. In der DDR hingegen existierte eine marxistisch ausgerichtete Regionalforschung (Asien- und Afrikawissenschaft), die den Faktor ‚Islam im Entwicklungsprozess' erst nach der Revolution im Iran 1979 zögernd in ihr Weltbild zu integrieren versuchte.
Das Ende des klassischen Ost-West-Konflikts und die sprunghafte Zunahme ethnischer Auseinandersetzungen in verschiedenen Teilen der Welt führte in den 90er Jahren zu einer neuen Beschäftigung mit der vielschichtigen Rolle von kultureller und religiöser Identität. Die dramatische Veränderung der Beziehungen zwischen dem "Westen" und der islamischen Welt, Rushdie-Affäre, zweiter Golfkrieg und islamistischer Terrorismus gingen schließlich an der islamwissenschaftlichen Forschung und Lehre nicht spurlos vorüber.
So ist heute die orient- und islamwissenschaftliche Forschung und Lehre in Deutschland bei aller Unterschiedlichkeit der sie tragenden Fächer mit zwei großen Herausforderungen konfrontiert, die in enger Beziehung zueinander stehen: erstens, mit dem fortschreitenden Wandel von Forschungsansätzen und -methoden, und zweitens, mit der Frage nach Relevanz und Stellenwert des Faches im öffentlichen Diskurs.
Obgleich die historische und philologische Forschung in Deutschland immer noch den größten Anteil der wissenschaftlichen "Produktion" über den islamischen Kulturraum einnimmt, ist in den letzten Jahren deutlich geworden, dass die realen Forschungsschwerpunkte in wachsendem Umfang Fächergrenzen überschreiten.
Aktuelle Analysen belegen, dass an den Instituten, Seminaren und Lehrstühlen für Islam- und Orientwissenschaft in Deutschland historische Quellenforschung im traditionellen Sinne eher die Ausnahme als die Regel darstellt. Vielmehr beschäftigt sich ein großer Teil der Fachvertreter in zunehmendem Maß mit Themen in ihrer Einheit von Religions-, Kultur- und Sozialgeschichte.
24 Universitäten der Bundesrepublik bieten Studiengänge in Islamwissenschaft und orientalischen Sprachen, größtenteils in Kombination mit anderen kultur- oder sozialwissenschaftlichen Fächern an. Gegenwärtig sind ca. 3000 Studenten für diese Fächer im Haupt- oder Nebenfach immatrikuliert. Insgesamt existieren 34 Lehrstühle, Institute oder Seminare, die den Schwerpunkt Sprache, Geschichte und Kultur der islamischen Welt vertreten. Wie Beispiele zeigen, wird die Ausbildung in diesen Fächern an den meisten bundesdeutschen Hochschulen heute überwiegend interdisziplinär und praxisorientiert ausgerichtet. An manchen Lehrstühlen sind regionale Schwerpunkte verankert, beispielsweise zur Geschichte und Gegenwart des Islam im Iran, in Zentralasien, in der Türkei oder in Afrika. Die Zeiten des "Orchideenfachs" Islamkunde sind vorbei. Gefragt ist nicht nur eine enge Anbindung an die internationale Entwicklung des Faches, sondern ebenso an die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes.
In den Sozialwissenschaften ist die Situation aufgrund der strukturellen Unterschiede zu den Sprach- und Kulturwissenschaften nicht vergleichbar. Nach dem Aufschwung der gegenwartsbezogenen Orientforschung in den 70er und 80er Jahren sind die Lehrstühle für Politik- und Wirtschaft des Vorderen Orients (z.B. Freie Universität Berlin und Universität Erlangen), aber auch Forschungsstellen wie z.B. in Bochum (Institut für Entwicklungsforschung und Entwicklungspolitik), Bielefeld (Forschungsschwerpunkt Entwicklungssoziologie) und Tübingen (Institut für Politikwissenschaft) nicht gesichert, da sie mit Forschungsinteressen und nicht mit der Einrichtung verknüpft sind. Die von der Bundesregierung unterstützte Studie zur Situation der Islam- und Orientforschung in Deutschland, die 1997 im Auftrag des Arbeitskreises Moderne und Islam am Berliner Wissenschaftskolleg durchgeführt wurde, wies darauf hin, dass gerade an den Zentren mit regionaler Spezialisierung ein beachtliches Forschungspotential vorhanden ist, das nicht in Konkurrenz zur Islamwissenschaft stehe, sondern wie beispielsweise das Thema ‚islamische Wirtschaft' illustriert, auf wissenschaftliche Synergien setzen müsse.
Diese Erkenntnis trifft auch auf die in der Bundesrepublik existierenden außeruniversitären Forschungsstellen zu, deren Aufgaben in der wissenschaftlichen Analyse, in Öffentlichkeitsarbeit, Dokumentation und Politikberatung liegen. Zu nennen sind das Deutsche Orient-Institut in Hamburg, das Zentrum Moderner Orient in Berlin und das von der Bundesregierung unterhaltene Orient-Institut der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft in Beirut - mit Außenstelle in Istanbul, an dem islamwissenschaftliche Quellenforschung und gegenwartsbezogene Länderforschung zusammenfließen.
Plattformen interdisziplinärer Zusammenarbeit und Nachwuchsförderung boten bislang vor allem Gruppenprojekte wie das Graduiertenkolleg für gegenwartsbezogene Orientforschung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (Universitäten Erlangen und Bamberg 1990-2000) und andere multilaterale Projekte, die mit Unterstützung beispielsweise der Volkswagenstiftung durchgeführt wurden. Solche befristeten Projekte können jedoch nicht dem inner- und außerhalb der Hochschulen vorhandenen Forschungspotentialen gerecht werden. Hier ist eine weitsichtige institutionelle und länderübergreifende Förderung gefragt, die sich auch an Erfahrungen in anderen Ländern wie beispielsweise den Niederlanden, die 1996 ein erfolgreiches universitätsübergreifendes Forschungsinstitut (Institute for the Study of Islam in the Modern World, Leiden) gegründet haben, orientiert.
Ältester Fachverband der Islamforschung ist die 1845 gegründete Deutsche Morgenländische Gesellschaft (DMG). Sie bekennt sich zur Tradition deutscher Orientwissenschaft, verbindet durch ihre Mitglieder in der Gegenwart jedoch sehr vielfältige Forschungsansätze.
Als Plattform der Zusammenarbeit von Sozial- und Kulturwissenschaftlern, insbesondere des Nachwuchses, hat sich 1993 die Deutsche Arbeitsgemeinschaft Vorderer Orient für gegenwartsbezogene Forschung und Dokumentation (DAVO) profiliert. Der zweimal im Jahr erscheinende Newsletter des Vereins bietet ein Spiegelbild der fortschreitenden internationalen Verflechtung der orientwissenschaftlichen Fächer in der Bundesrepublik.
Entwicklungslinien
Inhalte
Rahmenbedingungen
Literaturhinweise
|
 |
|